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Bildungsstreik in Deutschland

Ein Reporter einer Nachrichtenagentur wollte einen „Hauch von 68“ in den Aktionen entdeckt haben. Doch mit den damaligen Studentenunruhen hat der sogenannte „Bildungsstreik 2009“ nichts gemein. In rund 80 Städten fanden gestern Kundgebungen statt, die größten in Berlin, Hamburg, Köln und Düsseldorf. Es war der Höhepunkt eines fünftägigen Bildungsstreiks.

Dem Gros der Demonstranten ging es dabei nicht – wie 1968 – um eine gesellschaftliche Umwälzung. Sondern schlichtweg um bessere Lernbedingungen an Schulen und Hochschulen. Allerdings versuchten radikale Gruppierungen, die Aktionen zu instrumentalisieren.

Die Kundgebungen stießen vor Ort auf unterschiedliche Resonanz. Die Organisatoren hatten mit rund 150.000 Teilnehmern gerechnet. Am Ende wurden es sehr viel weniger. Die Proteste verliefen weitgehend friedlich. Zu den zentralen Kritikpunkten der Studenten gehörten allenthalben die Studiengebühren, die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master und die verkürzte Oberstufe beim achtjährigen Gymnasium.

Letztlich steht also die komplette Bildungsreform seit dem Beginn des neuen Jahrtausends am Pranger. Und tatsächlich gibt es an vielen Hochschulen Schwierigkeiten bei der Umstellung auf die neue zweistufige Struktur: Die Studieninhalte sind oft kaum zu bewältigen; vielen Studenten droht daher die Exmatrikulation.

 

Das deutsche Bildungssystem .

Manche Fachbereiche verweigern sich auch der sogenannten „Bologna-Reform“. Das von den europäischen Staaten für 2010 avisierte Ziel einer vollständigen Umstellung auf die Bachelor- und Master-Abschlüsse wird Deutschland allenfalls in den Statistiken erreichen. Forschungsministerin Annette Schavan gab derweil zu, dass es Probleme gibt. An einigen Stellen müsse nachgebessert werden, sagte die Ministerin dem Deutschlandfunk. Zugleich stellte sie aber klar: „Wer sagt, wir müssen Bachelor- und Masterstudiengänge wieder abschaffen, der nimmt nicht zur Kenntnis, dass Deutschland Teil des europäischen Bildungsraums ist.“ Ein Zurückdrehen der Bologna-Reform wäre, sind sich Experten einig, politisch unverantwortlich.

Die aktuellen Probleme hätten ihre Ursache darin, dass man für die Umsetzung der Reformen „weder Geld noch Zeit gehabt habe“, sagte die Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel. Doch die Solidarisierung der Rektoren mit dem „Bildungsstreik 2009“ und die Kritik am „Staat“, monieren Bildungsexperten, sei scheinheilig: Auch die Hochschulleitungen seien gefordert, für Verbesserungen der Studienbedingungen zu sorgen. So wurden im Zuge der großen Bildungsreformen – auf deren Wunsch – nicht nur die Etats der Hochschulen erhöht, sondern auch deren Kompetenzen erweitert

Fächerpräferenzen bei Erstsemestern

Nach Erkenntnissen des Deutschen Philologenverbandes stehen auf der „offiziellen“ Unterstützerliste des „Bildungsstreiks 2009“ nicht nur die Gewerkschaften GEW, Ver.di und der DGB, sondern auch sogenannte anarchistisch-syndikalistische Jugendgruppen, die Assoziation marxistischer Studierender, die Linksjugend und linksextreme Jugendorganisationen wie „Revolution“. Der Aufruf zu symbolischen Banküberfällen als „öffentliche Aktion des zivilen Ungehorsams“ spricht für sich.

Zur Debatte über Studiengebühren und zur Forderung nach einer Einheitsschule, beides ebenfalls Themen auf dem „Bildungsstreik 2009“, verweisen Bildungsforscher auf eine ganze Reihe von Untersuchungen. So hat eine Expertise des Hochschulinformationssystems (HIS) nachgewiesen, dass die Studiengebühren in den Ländern zur Verbesserung der Lehre eingesetzt werden und damit keine Haushaltslöcher gestopft werden, wie Kritiker befürchten. Die Höhe des Studienbeitrages ist zudem mit 500 Euro pro Semester gedeckelt. Wenn ein Absolvent zahlungsunfähig ist, bürgt das jeweilige Hochschulland. Moniert wird allerdings, dass nur rund zwei Prozent der Studierenden ein Stipendium erhalten.

Für den Erfolg der Einheitsschule gibt es wiederum keinen wissenschaftlichen Beleg – die Gesamtschulen in Deutschland haben bei der Pisa-Studie größtenteils desaströs abgeschnitten, auch wenn mehrere Parteien und Bildungsgewerkschaften das Gegenteil behaupten. Die führenden deutschen Bildungsländer – Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen – haben ein zwei- oder dreigliedriges Schulsystem. Dennoch gibt es auch an den Schulen Verbesserungsbedarf – vor allem beim Unterrichtsausfall und dem Lehrermangel, der baulichen Substanz, der Bildungsnotlage bei sozial schwachen Schülern und Ausländerkindern.